Kohlezeit

Kohle ist seit Jahrhunderten einer der wichtigsten Brennstoffe. Mit dem fossilen Rohstoff verbinden wir die Industrialisierung, Dampfmaschinen, Hochöfen und Lokomotiven, Rauch und Ruß. Die Nutzung von Kohle hat unser Energiesystem grundlegend verändert: Statt Holz und Holzkohle wurden Stein- und Braunkohle zum bevorzugten Brennstoff, der seit dem späten 19. Der Steinkohlenbergbau war ein hartes Geschäft, bei dem viele Bergleute durch Unfälle und Krankheiten starben und viele Familien große Not litten. Hier bildeten sich starke Interessengemeinschaften und solidarische Vereine heraus.

Wissen über Steinkohle in Europa

Das ist die Geschichte, die wir gut kennen. Sie ist gut erforscht und teilweise sogar Unterrichtsstoff. Wie es aber dazu kam, dass Kohle in so großen Mengen zur Verfügung stand, dass sich eine Industrialisierung mit Ausbeutung von Mensch und Natur entwickeln konnte – das ist weniger gut erforscht. Denn die Voraussetzungen dafür waren nicht nur wirtschaftlicher und sozialer Art. Auch das Wissen über die Kohle spielte eine besondere Rolle: Wie sich dieses Wissen über einen Zeitraum von vier Jahrhunderten entwickelt hat, habe ich erforscht und in meinem Buch „Kohlezeit. Eine Global- und Wissensgeschichte der Steinkohle“. In dem Buch gehe ich zwei Forschungsfragen nach. Erstens untersuche ich, wie das Wissen über die Geologie und die chemische Zusammensetzung der Steinkohle an verschiedenen Orten in Europa entstand. Dabei gehe ich den unterschiedlichen Quellen und Traditionen nach, stelle eher praktische und eher theoretische Überlegungen gegenüber und berücksichtige immer, dass dieses Wissen in unterschiedlichen Kontexten, mit unterschiedlichen Zielsetzungen und in einem jeweils zu bestimmenden Austausch mit anderen Personen von einem Autor (es waren ausschließlich männliche Autoren) niedergeschrieben wurde.

Abbildung 1: John Strachey, Observations on the Different Strata of Earths, and Minerals, 1727, Figure IVb




Ich behandle Beispiele aus verschiedenen europäischen Ländern und decke einen langen Zeitraum ab. Wichtige Autoren des 16. Jahrhunderts haben sich mit dem Thema Kohle beschäftigt, z.B. der Arzt und Bergbauexperte Georg Agricola oder der Theologe Zacharias Theobald. Im 17. und 18. Jahrhundert finden sich unter den Autoren Mineralogen, Professoren und Ärzte in den verschiedenen Bergbauregionen und an den zahlreichen Wissenschaftsstandorten Europas, die sich in wissenschaftlich fundierten Arbeiten mit der Steinkohle beschäftigten und dabei auch einen Bezug zur Praxis herstellten. Im 19. Jahrhundert nahm die Zahl der Studien zu, die sich ausschließlich mit der Kohle befassten. Mit der Zeit war sie nicht mehr nur als Brennstoff interessant, sondern auch als Ausgangsstoff für die Herstellung von Koks und Gas und später sogar als Lieferant wichtiger chemischer Grundstoffe wie Anilin für die Farbenindustrie. Parallel zur Diversifizierung des Themenspektrums nahm die Bedeutung der Kohle zu. Da die unterschiedlichen Eigenschaften der verschiedenen Kohlearten erforscht werden konnten, war es möglich, die Kohle viel gezielter einzusetzen. Außerdem konnten Maschinen und Apparate sehr genau auf das unterschiedliche Verhalten der Kohlen eingestellt werden. Hier finden sich die Bezüge zur Geschichte der Industrialisierung, wie wir sie aus dem Schulunterricht kennen.

Wissen über Steinkohle außerhalb Europas

Abbildung 2: Paul Guyot, Voyage au Zambèse, 1895. (Muséum national d’histoire naturelle).

Von einer anderen Diversifizierung wissen wir dagegen kaum etwas, und das ist meine zweite Frage: Welches Wissen über Steinkohle entstand außerhalb Europas? Heute wird Kohle in China, Kolumbien, Indien, Australien und im südlichen Afrika abgebaut. Nicht für alle diese Orte sind die Anfänge des Steinkohlenbergbaus bekannt. Und so wollte ich mehr über die Hintergründe erfahren, wollte herausfinden, warum sich Europäer in den Kolonien auf die Suche nach Kohlevorkommen machten und warum sie glaubten, dass es sich lohnen könnte, diese Kohle abzubauen. In Teilen Chinas und Indiens ist der Kohlebergbau seit Jahrhunderten bekannt. Mit der europäischen Expansion im 19. Jahrhundert kam der Bedeutungswandel der Kohle auch in die verschiedenen Kolonialgebiete. Eine besondere Rolle spielte dabei, dass die Kohleförderung große Mengen produzieren und die Nachfrage der Schwerindustrie, der Güterproduktion und des Transportwesens befriedigen musste. Diese Nachfrage entstand zumeist in lokalen Zusammenhängen und die Steinkohle wurde dort verbraucht, wo sie abgebaut wurde. Trotz dieses lokalen Verbrauchs wurden die in verschiedenen Teilen der Welt geförderten Steinkohlemengen Teil eines globalen Energiesystems: Kohle aus Australien oder den Philippinen trieb Dampfschiffe an, auf denen sie mit Kohle aus Großbritannien vermischt wurde. Diese Dampfschiffe legten in Sydney oder Manila an, luden die Kohle und dampften weiter nach Singapur oder in einen anderen Hafen. Mit Kohle aus Nordmexiko fuhren die Lokomotiven auch auf der Southern Pacific Railway durch den Süden der USA oder bis nach Mexiko-Stadt.

Mich interessierte, welches Wissen über diese lokalen Kohlen vorhanden war und wie es sich so entwickelte, dass die Kohlen tatsächlich Teil dieses globalen Energiesystems werden konnten. Kohle wurde Teil kolonialer Machtpolitik und Teil eines kolonialen Wissenssystems. Das zeige ich an vielen Beispielen: im Nordosten Kanadas, im preußischen Schlesien, im Norden Mexikos, in Kuba und auf den Philippinen und natürlich an verschiedenen Orten des Britischen Empire, nämlich in Nordindien, auf Borneo und im südlichen Afrika.

Dreiklang: Forschung, Manuskript, Buch

Die Forschungen zu dem Buch haben viele Jahre in Anspruch genommen. Ich habe in verschiedenen Archiven und vielen Bibliotheken recherchiert und eine große Menge an publiziertem Schriftgut zusammengetragen. Dabei wurde mir bewusst, wie tief der Stoff Steinkohle in die menschliche Geschichte und die menschliche Alltagskultur eingedrungen ist. Das Manuskript habe ich auch als Habilitationsschrift an der Freien Universität Berlin für das Fach Neuere und Neueste Geschichte einreichen können. Schließlich hat der Campus Verlag daraus ein sehr schönes Buch machen können, das eine Forschungslücke zu schließen helfen kann.

Ein DDR-Tropenforschungsinstitut in Kuba (1963–1978)

Nachdem in Kuba die Rauchschwaden der Revolution sich gelegt hatten und die Regierung unter Fidel Castro auch die Wissenschaftsakademie zu Havanna umgekrempelt hatte, schlossen 1963 die Ost-Berliner Deutsche Akademie der Wissenschaften (DAW) und die Academía de Ciencia de Cuba ein Kooperationsabkommen.

Aus dem Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie (Berlin) konnte ich ein wenig die Geschichte rekonstruieren, in welcher Art und mit welchen Themen sich die DAW in Kuba engagierte. Das Engagement wurde damals so verstanden, dass eine Art Entwicklungshilfe für die kubanische Wissenschaft betrieben wurde. Diese sollte und konnte jedoch nicht uneigennützig sein. Denn erstens war das Engagement für die DAW und das Wissenschaftsministerium der DDR sehr kostspielig und zweitens waren die eigenen Mittel äußerst begrenzt.

Zu Beginn wurden deswegen sieben Felder definiert, auf denen die DAW eigene Forschung in Kuba aufbauen wollte:

1. Einrichtung einer seismischen Station durch das Institut für Bodendynamik der Erdbebenforschung in Jena
2. Für den Fall der Einrichtung eines Tropenforschungsinstituts der DDR Aufnahme einer marinebiologischen Arbeits- und Forschungseinrichtung
3. Informationsaustausch und Sammlung von Erfahrungen über die tropen-medizinische Situation in Kuba. …
4. Bearbeitung von Fragen des Landschaftshaushaltes, des Ablaufs morphologischer Prozesse und anderer grundsätzlicher Fragen, die z.T. in das Gebiet der ökonomischen Geographie reichen …
5. Zusammenarbeit auf botanischem und zoologischem Gebiet…
6. Hilfe bei der Erarbeitung einer kubanischen Kulturgeschichte…
7. Korrosions- und Klimaprüfungen an Erzeugnissen und Werkstoffen der DDR

Letztendlich konnte die DAW die Aufgabe nicht alleine stemmen und holte sich mit der Akademie für Landwirtschaft der DDR noch einen weiteren Partner mit an Bord – schließlich war das Thema der Tropenlandwirtschaft und der Beständigkeit von in der DDR gebauten Landwirtschaftsmaschinen im tropischen Klima auch wirtschaftlich wichtig.

Leiter der Einrichtung, die kurz „Tropenforschungsinstitut“ hieß, offiziell aber den Namen Alexander von Humboldt trug, wurde der Chemiker Horst Sinnecker, der ein Spezialist auf dem Feld von Nickel und Laterit war. Nickel war in der DDR Mangelware, auf Kuba aber in großen Mengen vorhanden – auch bei der Berufung Sinneckers waren also wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend.

Das Institut wurde nie umfassend eingerichtet. Vor allem aus Kostengründen, blieben Posten unbesetzt, die Labore wurden nur teilweise bestückt und einige der Forschungsprojekte nie bearbeitet. Einige Themen flossen in die multilateralen Forschungskooperationen innerhalb des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW, Comecon) ein. Ende der 1970er Jahre konzentrierten sich die Kooperationen dann auf den kubanischen Versuchsreaktor von Juraguá sowie einige geophysische Projekte.

Die vollständige Untersuchung habe ich veröffentlicht in:
Scientific Cooperation Between the German Academy of Sciences in Berlin (DAW) and Cuba in the 1960s and 1970s, in: A. Baracca, J. Renn und H. Wendt (Hgg.), History of Physics in Cuba, Boston: Springer 2014, 387–393.

The Globalization of Knowledge in the Iberian Colonial World

Wie verbreitete sich Wissen im ersten transatlantischen Herrschaftsraum seit dem 16. Jahrhundert? Wie und in welcher Form gelangte Wissen aus den Amerikas, speziell aus Lateinamerika nach Europa?Wie zirkulierte es zwischen den Regionen in Amerika? In welchem Verhältnis standen europäische, amerikanische und asiatische Wissensstandorte zueinander? Und wie wurde europäisches Wissen im amerikanischen Raum verändert? Diesen Fragen widmen sich elf Beiträge von unterschiedlichen Blickwinkeln. Sie behandeln die kolonial-iberische Wissensökonomie aus transkolonialer Perspektive vom frühen 16. bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert: Botanik, Bergbau, Medizin oder Moral sind hierbei nur vier der Themenfelder die intensiv untersucht werden.

Cover_Iberia.medium

Die interkulturellen, multilingualen und administrativen Kontexte spielen eine wichtige Rolle und werden auch in Hinblick auf eine Langzeitentwicklung des Verhältnisses von Menschen und natürlicher Umwelt betrachtet. Schließlich wird die Entwicklung von Wissen  über Natur als Voraussetzung von Ausbeutungspraktiken der natürlichen Umwelt in den Amerikas im Zeitalter des Anthropozäns skizziert.

Ich habe fast zwei Jahre an diesem Sammelband gearbeitet, der das Ergebnis eines Workshops ist. Zu diesem Treffen am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte sind viele Kolleginnen und Kollegen gekommen, die ich dort erst kennen- und schätzen gelernt habe. Der Austausch mit ihnen hat viel Spaß gemacht und ich habe eine Menge lernen dürfen.

Der Band kann vollständig und umsonst online gelesen werden: Edition Open Access 10

Inhaltsverzeichnis:

  1. Helge Wendt: Introduction: Competing Scientific Cultures and the Globalization of Knowledge in the Iberian Colonial World
  2. José Pardo-Tomás: Making Natural History in New Spain, 1525–1590
  3. Lars Kirkhusmo Pharo: Transfer of Moral Knowledge in Early Colonial Latin America
  4. Sonja Brentjes: Issues of Best Historiographical Practice: Garcia da Orta’s Colóquios dos simples e drogas e cousas medicinais da India (Goa, 1563) and Their Conflicting Interpretation
  5. Emma Sallent Del Colombo: Transferring Natural Knowledge in Early Colonial New Spain from Franciscan Sources: Motolinía’s Historia de los Indios de la Nueva España (1541–1569)
  6. Timothy D. Walker: Global Cross-Cultural Dissemination of Indigenous Medical Practices through the Portuguese Colonial System: Evidence from Sixteenth to Eighteenth-Century Ethno-Botanical Manuscripts
  7. Angélica Morales Sarabia: Women’s Medicine in the Cuatro Libros de la Naturaleza of Francisco Ximénez (1615): Interchanges and Displacements
  8. Mauricio Sánchez Menchero: Sheets of Paper, Tobacco Leaves: The Circulation of Knowledge About New World Plants Through Printed Books (Sixteenth and Seventeenth Centuries)
  9. Nuria Valverde Pérez: Underground Knowledge: Mining, Mapping and Law in Eighteenth-Century Nueva España
  10. Helge Wendt: Coal Mining in Cuba: Knowledge Formation in a Transcolonial Perspective
  11. Helge Wendt: Epilogue: The Iberian Way into the Anthropocene

Vollständige Literaturangabe:
Helge Wendt (Hg.). The Globalization of Knowledge in the Iberian Colonial World, Berlin: Edition Open Access 2016.