Katholische Mission im südlichen Sudan (1848–1960)

In den über 100 Jahren seit dem Beginn der katholischen Missionsarbeit unter den Missionaren Ryllo und Knoblehar bis zur Unabhängigkeit des Sudans zeigen sich zwei wichtige Konstanten: Die Missionsarbeit hätte nich überlebt, wenn die internationale Unterstützung und die sudanesische Leitungsschicht gefehlt hätten. In meinem Buch „Die missionarische Gesellschaft“ (2011) und in zwei Aufsätzen zur Geschichte der katholischen Mission im südlichen Sudan arbeite ich diese beiden Aspekte heraus.

Ignaz Knoblehar

Die internationale Unterstützung ist für ein Unternehmen, das eng mit kolonialer Expansion verbunden ist, nicht weiter überraschend. Vielleicht erscheint das Engagement des österreichischen Kaiserreichs zu Beginn einigermaßen ungewöhnlich. Die häufig aus österreichischen Ländern stammenden Missionare (Ryllo – Galizien, Knoblehar – Slowenien, Mitterutzner – Tyrol, Comboni – Lombarde) teilten ihre Erfahrung, mittels der katholischen Kirchenhierarchie den Nachteil ausgleichen zu können, einer der nationalen Minderheiten des Vielvölkerstaats anzugehören. Diese Erfahrung vermittelten sie auch im Südsudan: Ihre Arbeit konzentrierte sich auf die Ausbildung und die Schulung eines Leitungspersonals, das sich aus den ethnischen Gruppen der Region rekrutierte. Die Dinka und Bari, aber auch andere Gruppen, waren zunehmend unter den Druck aus Khartoum gekommen. Diese expansive Arabisch sprachige, mit dem Pasha in Alexandria verbündete Macht beendet die politische, kulturelle und religiöse Eigenständigkeit der Gruppen. Die Missionare versuchten nun, eine Gegenmacht aufzubauen, gründeten Schulen, lehrten das Christentum und europäische Sprachen und versuchten, in Europa weitere Unterstützer für dieses Projekt zu gewinnen.

Saturnino Ohure/Lohure Hilangi

Der Konflikt zwischen dem Süden des Sudans und dem hauptsächlich muslimischen Norden mit der Hauptstadt Khartoum, zeigt sich also schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die kulturellen Unterschiede zwischen diesen Gebieten wurden durch das Wirken der Missionare um den Gegensatz einer teilweise christlich bekehrten Minderheit zur arabisch-muslimischen Herrschaft verstärkt. Diese Auseinandersetzung zeigte sich auch in der Unabhängigkeitsbewegung in den 1960er Jahren, in der die Aktivisten und Kämpfer aus dem Süden häufig aus dem Milieu der Missionen stammten und sich gegen eine Dominanz des islamischen Nordens wandten. In den Missionen hatte sich nämlich eine Gruppe von sehr gut ausgebildeten Leuten bilden können: Sie hatten die Missionsschulen in den Dörfern und eine der verschiedenen weiterführenden Schulen im Südsudan besucht. Nun strebten sie entweder in der Kirchenorganisation oder im zivilen Leben nach einflussreichen Stellungen, was ihnen zum Teil von europäischen Missionaren, zum Teil von arabischen Beamten versagt wurde.

Nachzulesen sind die Geschichten in:
Helge Wendt (2011). Die Missionarische Gesellschaft. Mikrostrukturen einer kolonialen Globalisierung, Stuttgart: Franz Steiner Verlag.
Helge Wendt (2018). Central European Missionaries in Sudan. Geopolitics and Alternative Colonialism in Mid-Nineteenth Century Africa, in: European Review 26, 3, pp.1–11 doi:10.1017/S1062798718000182.
Three Steps into an Independent Catholic Church Organization in South Sudan. Decoloniality in a Colonial Environment (1848–1974). Mission und dekoloniale Perspektive, hg.v. Ulrich van der Heyden und Helge Wendt. Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2020.

 

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