Kohlewissen – Kohlebewusstsein

Kohle ist schwarz, wird im Bergbau gewonnen und dann verbrannt. Geht es wirklich so einfach? Braucht es gar nicht mehr Wissen, Kenntnis und Können in Bezug auf dieses Material? So einfach ist es nicht.

Es gibt Kohlen in ganz unterschiedlichen Schwarztönen, einige sind sogar eher braun und andere schillern. Hier hilft genaues Wissen, um die Varianten auseinanderzuhalten.

Wissen rettet Leben! Der Bau auf Kohlen ist häufig kompliziert und auch heutzutage noch mit Lebensgefahr verbunden.

Wissen eröffnet (Nutzungs)Welten! Kohle kann natürlich als Brennstoff dienen, aber es lassen sich unendlich viele Stoffe und Substanzen aus Kohle gewinnen, wenn das zugehörige Wissen vorhandne ist.

Kohle ist ein sperriger Stoff. Er fasziniert wegen seiner Fähigkeiten und trägt doch die ganze Problematik von Verschmutzung, Emissionen und Klimaschädlichkeit in sich. Kohle ist auch aus anderen Gründen nicht unschuldig, war Grund für Kriege und Unterdrückung und Ausbeutung. Mit Kohle begann das „fossile Zeitalter“ und der Mensch schaffte mithilfe der Kohle ein ganzes Universum an Tätigkeiten, Institutionen, Mobilitätsweisen, Produkten und Konsumgewohnheiten, die noch heute unseren Alltag und unser Selbstverständnis von modernen Menschen in modernen Gesellschaften prägen.

Die ganze Schwierigkeit, uns von den Pfaden zu lösen, die sich durch die Kohlenutzung ergeben haben, liegt in der Vielseitigkeit – ein Faszinosum seit Jahrhunderten für Bergleute, Industrielle und HistorikerInnen. Und ein Alptraum für die Zukunftsaussichten im Umwelt- und Naturschutz!

Mit der Kohlenutzung als Brennstoff, konnten alle Metallerze leichter verarbeitet werden: Die Metallherstellung wurde zu einer weltverbreiteten Technik und Metalle jeder Art bestimmten schon bald den Alltag der meisten Menschen: von der Waffe bis zum Pflug, vom Kochgeschirr über das Essbesteck bis zur Dekoration, vom Baumaterial in Wagen und Instrument bis hin zum Baumaterial in Häusern und Palästen: mit Kohle verarbeitetes Eisen oder Kupfer, Blei, Zink, Zinn oder der hergestellte Stahl waren allgegenwärtig. Metalle waren bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wie das Plastik im Erdölzeitalter – vielseitig formbar, mal fest, mal flexibel, recyclebar(!), ästhetisch, praktisch…

Kohle als Ausgangsstoff für Substanzen ermöglichte den Koks, das Gas zum Beleuchten der Städte, den Teer zur Herstellung von Farben, von Arzneimitteln, Filmen, Schallplatten, Lacken, Ölen und schließlich auch von Kunststoffen – Dank der Kohlechemie.

So penetrierte die Kohle nicht nur als Brennstoff in Stücken und in Briketts jeden Haushalt Europas, sondern als verarbeitetes Material glühten die Gaslampen in den Wohnungen, wurde das Fieber gelindert, die Kette geschmiert, das Foto entwickelt… Wie sollte man ohne Kohle leben? Warum sollte nicht immer mehr Kohle, aus den weitesten Ländern hergeholt werden? Warum nicht Indien, warum nicht Kolumbien, warum nicht Zimbabwe? Und schon setzte sich der Kohlealltag fest in den vielen Weltgegenden. Kohle war global, Kohle war überall, trotz Erdöl boomte die Kohle, wegen der Erdölkrisen boomte die Kohle noch mehr. Und aus den sich multiplizierenden Schornsteinen und den unendlichen Verwendungen und Veränderungen penetrierte die Kohle die globale Lebenswelt und die globale Umwelt. Sie penetrierte so viel und so ausgiebig, dass die planetare Umweltkrise nur durch eine enorme Entkoppelung der Materialbasis unserer (post)industriellen Lebenswelt lösbar wird. Weniger fossile Grundstoffe in allen Lebensbereichen würde langfristig zu einer Lösung führen.

Auch das ist Kohlewissen: Das Faszinosum Kohle ist eine Sonde in die Wissensgeschichte der modernen Konsumwelt.

Das Wissen über die Kohle für zu einem Wissen über die Konsequenzen.
Aber man muss wissen wollen!

Kohlezeit

Kohle ist seit Jahrhunderten einer der wichtigsten Brennstoffe. Mit dem fossilen Rohstoff verbinden wir die Industrialisierung, Dampfmaschinen, Hochöfen und Lokomotiven, Rauch und Ruß. Die Nutzung von Kohle hat unser Energiesystem grundlegend verändert: Statt Holz und Holzkohle wurden Stein- und Braunkohle zum bevorzugten Brennstoff, der seit dem späten 19. Der Steinkohlenbergbau war ein hartes Geschäft, bei dem viele Bergleute durch Unfälle und Krankheiten starben und viele Familien große Not litten. Hier bildeten sich starke Interessengemeinschaften und solidarische Vereine heraus.

Wissen über Steinkohle in Europa

Das ist die Geschichte, die wir gut kennen. Sie ist gut erforscht und teilweise sogar Unterrichtsstoff. Wie es aber dazu kam, dass Kohle in so großen Mengen zur Verfügung stand, dass sich eine Industrialisierung mit Ausbeutung von Mensch und Natur entwickeln konnte – das ist weniger gut erforscht. Denn die Voraussetzungen dafür waren nicht nur wirtschaftlicher und sozialer Art. Auch das Wissen über die Kohle spielte eine besondere Rolle: Wie sich dieses Wissen über einen Zeitraum von vier Jahrhunderten entwickelt hat, habe ich erforscht und in meinem Buch „Kohlezeit. Eine Global- und Wissensgeschichte der Steinkohle“. In dem Buch gehe ich zwei Forschungsfragen nach. Erstens untersuche ich, wie das Wissen über die Geologie und die chemische Zusammensetzung der Steinkohle an verschiedenen Orten in Europa entstand. Dabei gehe ich den unterschiedlichen Quellen und Traditionen nach, stelle eher praktische und eher theoretische Überlegungen gegenüber und berücksichtige immer, dass dieses Wissen in unterschiedlichen Kontexten, mit unterschiedlichen Zielsetzungen und in einem jeweils zu bestimmenden Austausch mit anderen Personen von einem Autor (es waren ausschließlich männliche Autoren) niedergeschrieben wurde.

Abbildung 1: John Strachey, Observations on the Different Strata of Earths, and Minerals, 1727, Figure IVb




Ich behandle Beispiele aus verschiedenen europäischen Ländern und decke einen langen Zeitraum ab. Wichtige Autoren des 16. Jahrhunderts haben sich mit dem Thema Kohle beschäftigt, z.B. der Arzt und Bergbauexperte Georg Agricola oder der Theologe Zacharias Theobald. Im 17. und 18. Jahrhundert finden sich unter den Autoren Mineralogen, Professoren und Ärzte in den verschiedenen Bergbauregionen und an den zahlreichen Wissenschaftsstandorten Europas, die sich in wissenschaftlich fundierten Arbeiten mit der Steinkohle beschäftigten und dabei auch einen Bezug zur Praxis herstellten. Im 19. Jahrhundert nahm die Zahl der Studien zu, die sich ausschließlich mit der Kohle befassten. Mit der Zeit war sie nicht mehr nur als Brennstoff interessant, sondern auch als Ausgangsstoff für die Herstellung von Koks und Gas und später sogar als Lieferant wichtiger chemischer Grundstoffe wie Anilin für die Farbenindustrie. Parallel zur Diversifizierung des Themenspektrums nahm die Bedeutung der Kohle zu. Da die unterschiedlichen Eigenschaften der verschiedenen Kohlearten erforscht werden konnten, war es möglich, die Kohle viel gezielter einzusetzen. Außerdem konnten Maschinen und Apparate sehr genau auf das unterschiedliche Verhalten der Kohlen eingestellt werden. Hier finden sich die Bezüge zur Geschichte der Industrialisierung, wie wir sie aus dem Schulunterricht kennen.

Wissen über Steinkohle außerhalb Europas

Abbildung 2: Paul Guyot, Voyage au Zambèse, 1895. (Muséum national d’histoire naturelle).

Von einer anderen Diversifizierung wissen wir dagegen kaum etwas, und das ist meine zweite Frage: Welches Wissen über Steinkohle entstand außerhalb Europas? Heute wird Kohle in China, Kolumbien, Indien, Australien und im südlichen Afrika abgebaut. Nicht für alle diese Orte sind die Anfänge des Steinkohlenbergbaus bekannt. Und so wollte ich mehr über die Hintergründe erfahren, wollte herausfinden, warum sich Europäer in den Kolonien auf die Suche nach Kohlevorkommen machten und warum sie glaubten, dass es sich lohnen könnte, diese Kohle abzubauen. In Teilen Chinas und Indiens ist der Kohlebergbau seit Jahrhunderten bekannt. Mit der europäischen Expansion im 19. Jahrhundert kam der Bedeutungswandel der Kohle auch in die verschiedenen Kolonialgebiete. Eine besondere Rolle spielte dabei, dass die Kohleförderung große Mengen produzieren und die Nachfrage der Schwerindustrie, der Güterproduktion und des Transportwesens befriedigen musste. Diese Nachfrage entstand zumeist in lokalen Zusammenhängen und die Steinkohle wurde dort verbraucht, wo sie abgebaut wurde. Trotz dieses lokalen Verbrauchs wurden die in verschiedenen Teilen der Welt geförderten Steinkohlemengen Teil eines globalen Energiesystems: Kohle aus Australien oder den Philippinen trieb Dampfschiffe an, auf denen sie mit Kohle aus Großbritannien vermischt wurde. Diese Dampfschiffe legten in Sydney oder Manila an, luden die Kohle und dampften weiter nach Singapur oder in einen anderen Hafen. Mit Kohle aus Nordmexiko fuhren die Lokomotiven auch auf der Southern Pacific Railway durch den Süden der USA oder bis nach Mexiko-Stadt.

Mich interessierte, welches Wissen über diese lokalen Kohlen vorhanden war und wie es sich so entwickelte, dass die Kohlen tatsächlich Teil dieses globalen Energiesystems werden konnten. Kohle wurde Teil kolonialer Machtpolitik und Teil eines kolonialen Wissenssystems. Das zeige ich an vielen Beispielen: im Nordosten Kanadas, im preußischen Schlesien, im Norden Mexikos, in Kuba und auf den Philippinen und natürlich an verschiedenen Orten des Britischen Empire, nämlich in Nordindien, auf Borneo und im südlichen Afrika.

Dreiklang: Forschung, Manuskript, Buch

Die Forschungen zu dem Buch haben viele Jahre in Anspruch genommen. Ich habe in verschiedenen Archiven und vielen Bibliotheken recherchiert und eine große Menge an publiziertem Schriftgut zusammengetragen. Dabei wurde mir bewusst, wie tief der Stoff Steinkohle in die menschliche Geschichte und die menschliche Alltagskultur eingedrungen ist. Das Manuskript habe ich auch als Habilitationsschrift an der Freien Universität Berlin für das Fach Neuere und Neueste Geschichte einreichen können. Schließlich hat der Campus Verlag daraus ein sehr schönes Buch machen können, das eine Forschungslücke zu schließen helfen kann.

Geschichte des mestizischen Europas

NEUERSCHEINUNG 2019:

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Geschichte des mestizischen Europas.
Vermischung als Leitkategorie europäischer Geschichtsschreibung

Vermischung ist ein Konzept, das hauptsächlich in der französischen, teilweise auch in der spanischsprachigen Kolonialgeschichtsschreibung sowie in einigen literaturwissenschaftlichen Arbeiten entwickelt und verwendet wurde und unter den Begriffen métissage oder mestizaje gefasst wurden. Es setzt sich besonders mit kolonialen Kontexten auseinander. Im gängigen Sprachgebrauch bezeichnet Métissage oder Vermischung den Zustand des Vermischten und den Prozess des sich Vermischens. Zuallererst biologisch als frühe Form von Rassismus für administrative Zwecke im kolonialen Raum auftauchend, konnte Métissage, historiografisch konzeptualisiert, auch für kulturhistorische Fragestellungen überzeugende Untersuchungsergebnisse liefern, die beispielsweise Vermischungsprozesse im religiösen und sozialen Leben oder in darstellender Kunst erforschte.

Für den vorliegenden Essay werden die Möglichkeiten dieses erweiterten Konzepts der Métissage erprobt, indem es an Beispielen jenseits der Kolonialgeschichte angewendet wird. Im Zentrum der Betrachtung stehen Themen aus der europäischen Geschichte sowie einige Arbeiten der europäischen Geschichtsschreibung. Das Ziel der Untersuchung ist es, die Nützlichkeit einer Diversifizierung von historischen Gegenständen aus der europäischen Geschichtsschreibung zu verifizieren. Gleichzeitig wird auch untersucht, wie sich die europäische Geschichtswissenschaft in der globalen Wissenschaftslandschaft neuen, von außen kommenden Einflüssen öffnen und sich, indem sie diese Einflüsse aufnimmt, weiter entwickeln kann.

Die zweite Motivation ist die Frage, inwieweit Vermischungsprozesse in der Historiografie bisher thematisiert wurden. Die hier angestellten Überlegungen gehen nicht von der Annahme aus, dass in älterer oder neuerer Geschichtsschreibung Vermischungen und Vermischungsprozesse nicht behandelt worden wären. Ganz im Gegenteil wird angenommen (und ausführlich besprochen werden), dass Ansätze von Vermischungsnarrativen im Rezeptions- und Produktionskontext verschwunden sind, weil Diskursen der Eindeutigkeit und „Entmischung“ Vorrang eingeräumt wurde. Deswegen ist die Analyse von bestehender Literatur über Themen der europäischen Geschichte so wichtig: Es wird eine unterreflektierte Traditionslinie europäischer Geschichtsschreibung in den Vordergrund gebracht.

Das Buch ist als Softcover erhältlich. Es kann aber auch als E-Book gelesen werden.

Druckfrisch im Karton: Vor lauter Freude habe ich gleich ein Bild der Belegexemplare gemacht (Feb. 2019).

Steinkohle und Krieg: Akadien

Krieg für Öl – so lautete der Vorwurf an die USA, als sie 1990 und 2003 Krieg gegen den Irak führten. Dass Kriege zur Sicherung von Rohstoffen geführt werden, ist dabei nicht neu, aber historisch vielleicht ein wenig unterbeleuchtet. In einem Aufsatz habe ich mir die Aufgabe gestellt, den Nachweis zu erbringen, dass relativ zum Beginn der Expansion Englands auf dem nordamerikanischen Kontinent ein Krieg um einen speziellen Rohstoff stand.

Um die Jahrhundertwende 1700 hatten die Franzosen im heute zu Kanada gehörenden Insel- und Halbinselarchipel von Cape Breton, Neuschottland und Akadien Steinkohle entdeckt. Franzosen hatten damals relativ wenig Erfahrung mit diesem Brennmaterial, aber einige fingen an, danach zu graben. Das gefiel den Engländern weiter südlich, denn sie kannten den Rohstoff schon seit Jahrhunderten: Waffenbauer, Schmiede, Bierbrauer – all diese Berufsgruppen nutzten im Mutterland Kohle, die in der Kolonie nicht vorhanden war. Bostoner Händler fingen nun an, die Kohle von den nördlichen lebenden Franzosen zu kaufen – aber diese Situation war sehr unbefriedigend.

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New-Schottland, Karte von 1733. (http://www.mwlandry.ca)

Als sich kriegerische Auseinandersetzungen, die auch im Zusammenhang mit dem Pfälzischen Nachfolgekrieg standen auch in Nordamerika ausweiteten, sprachen sich britische Offiziere dafür aus, den Franzosen die Steinkohlevorkommen abzuluchsen. So sah dann der Friede von Utrecht 1713 vor, dass genau das Gebiet englisch wurde. Aus der französischen Kolonie wurde eine englische. Die Franzosen blieben dort leben, aber die Gruben gingen peu à peu in englischen Besitz über.

Die am Cap Breton waren die ersten durch Europäer ausgebauten Steinkohlevorkommen auf dem amerikanischen Kontinent. Einmal eingenommen, sicherten sie die britische Herrschaft – erst jetzt konnten in Boston Waffen hergestellt werden. Kohle musste nun auch nicht mehr teuer aus England importiert werden – vielleicht ein erster Schritt hin zu einer größeren Unabhängigkeit der Siedler von der Krone in London…

Der Gesamt Artikel ist frei online zu lesen bei Francia (43, 2016). Die Zeitschrift erscheint im Jan Thorbecke Verlag im Druck und als E-Book.

 

Die vollständige Literaturangabe lautet:
Helge Wendt, Kohle in Akadien. Transformationen von Energiesystemen und Kolonialregimen (ca. 1630–1730). In: Francia 43 (2016), S. 119–136.

Becoming Global: Difficulties for European Historiography in Adopting Categories of Global History

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Der Althistoriker Theodor Mommsen (1817–1904)

 

Dieser Artikel stellt ein Problem vor: Warum reflektiert die europäische Geschichtsschreibung ihre Stellung im globalen Kontext nicht so intensiv, wie es Geschichtsschreibung in Indien, Afrika oder Lateinamerika seit einigen Jahrzehnten macht?
Der Artikel ist auf Englisch geschrieben und möchte unterstreichen, dass interkulturelle Bezüge für Geschichtsschreibung fundamental sein sollten. Die anderen Beiträge zum von Sonja Brentjes herausgegeben Sammelband beziehen sich auf interkulturelle Zusammenhänge von Entwicklungen in der islamischen Geschichte. Mein Aufsatz stellt verschiedene Beispiele wie Theodor Mommsens Geschichte Roms (Bild oben) vor, wie gängige Narrative der Abgrenzung des Sujets durch eine interkulturelle Perspektive, also einen Ansatz von Vermischung und Verbindungen sich verändern können.

Vollständige Angabe:
Becoming Global: Difficulties for European Historiography in Adopting Categories of Global History. Some Remarks, hg. v. Sonja Brentjes, Taner Edis und Lutz Richter-Bernburg, 1001 Distortions. How (Not) to Narrate History of Science, Medicine and Technology in Non-Western Cultures, Würzburg: Ergon-Verlag 2016, 39–51.

The Globalization of Knowledge in the Iberian Colonial World

Wie verbreitete sich Wissen im ersten transatlantischen Herrschaftsraum seit dem 16. Jahrhundert? Wie und in welcher Form gelangte Wissen aus den Amerikas, speziell aus Lateinamerika nach Europa?Wie zirkulierte es zwischen den Regionen in Amerika? In welchem Verhältnis standen europäische, amerikanische und asiatische Wissensstandorte zueinander? Und wie wurde europäisches Wissen im amerikanischen Raum verändert? Diesen Fragen widmen sich elf Beiträge von unterschiedlichen Blickwinkeln. Sie behandeln die kolonial-iberische Wissensökonomie aus transkolonialer Perspektive vom frühen 16. bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert: Botanik, Bergbau, Medizin oder Moral sind hierbei nur vier der Themenfelder die intensiv untersucht werden.

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Die interkulturellen, multilingualen und administrativen Kontexte spielen eine wichtige Rolle und werden auch in Hinblick auf eine Langzeitentwicklung des Verhältnisses von Menschen und natürlicher Umwelt betrachtet. Schließlich wird die Entwicklung von Wissen  über Natur als Voraussetzung von Ausbeutungspraktiken der natürlichen Umwelt in den Amerikas im Zeitalter des Anthropozäns skizziert.

Ich habe fast zwei Jahre an diesem Sammelband gearbeitet, der das Ergebnis eines Workshops ist. Zu diesem Treffen am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte sind viele Kolleginnen und Kollegen gekommen, die ich dort erst kennen- und schätzen gelernt habe. Der Austausch mit ihnen hat viel Spaß gemacht und ich habe eine Menge lernen dürfen.

Der Band kann vollständig und umsonst online gelesen werden: Edition Open Access 10

Inhaltsverzeichnis:

  1. Helge Wendt: Introduction: Competing Scientific Cultures and the Globalization of Knowledge in the Iberian Colonial World
  2. José Pardo-Tomás: Making Natural History in New Spain, 1525–1590
  3. Lars Kirkhusmo Pharo: Transfer of Moral Knowledge in Early Colonial Latin America
  4. Sonja Brentjes: Issues of Best Historiographical Practice: Garcia da Orta’s Colóquios dos simples e drogas e cousas medicinais da India (Goa, 1563) and Their Conflicting Interpretation
  5. Emma Sallent Del Colombo: Transferring Natural Knowledge in Early Colonial New Spain from Franciscan Sources: Motolinía’s Historia de los Indios de la Nueva España (1541–1569)
  6. Timothy D. Walker: Global Cross-Cultural Dissemination of Indigenous Medical Practices through the Portuguese Colonial System: Evidence from Sixteenth to Eighteenth-Century Ethno-Botanical Manuscripts
  7. Angélica Morales Sarabia: Women’s Medicine in the Cuatro Libros de la Naturaleza of Francisco Ximénez (1615): Interchanges and Displacements
  8. Mauricio Sánchez Menchero: Sheets of Paper, Tobacco Leaves: The Circulation of Knowledge About New World Plants Through Printed Books (Sixteenth and Seventeenth Centuries)
  9. Nuria Valverde Pérez: Underground Knowledge: Mining, Mapping and Law in Eighteenth-Century Nueva España
  10. Helge Wendt: Coal Mining in Cuba: Knowledge Formation in a Transcolonial Perspective
  11. Helge Wendt: Epilogue: The Iberian Way into the Anthropocene

Vollständige Literaturangabe:
Helge Wendt (Hg.). The Globalization of Knowledge in the Iberian Colonial World, Berlin: Edition Open Access 2016.

Die missionarische Gesellschaft — The missionary society

Wendt_Missionarische-Gesellschaft_CoverKurztext

Aus kulturhistorischer Perspektive zeichnet Helge Wendt die Gesellschaftsgestaltung durch katholische und protestantische Missionare aus verschiedenen europäischen Kolonialstaaten zwischen 1700 und 1900 nach. Dabei arbeitet er besonders den inhaltlichen und theoretischen Zusammenhang von Mission, Globalisierung und Kolonialismus heraus.
Der Fokus liegt auf der Missionssiedlung, in der die missionarische Gesellschaft verwirklicht werden sollte. Wie stellten sich die Missionare das Zusammenleben von nicht-europäischen und europäischen Gruppen vor und welche Formen konnten sie verwirklichen? Wie trugen die Erziehungsbemühungen zur Integration der missionarischen Gesellschaft bei? Und wie sollte sich die Förderung eines indigenen Klerus im schwierigen kolonialen Kontext gestalten? Beispiele aus spanischen, englischen und französischen Kolonialgebieten in Süd- und Nordamerika, West- und Ostafrika, Indien, Sri Lanka und den Philippinen verdeutlichen einen diskursiven Zusammenhang, der sich in den Missionen vor Ort zu einer mestizischen Gesellschaft verdichtete.

From a cultural-historical perspective, Helge Wendt traces the social structure of Catholic and Protestant missionaries from various European colonial states between 1700 and 1900. In doing so, he particularly works out the contextual and theoretical connection between mission, globalisation and colonialism.
The focus is on the mission settlement in which the „missionary society“ should be realized. How did the missionaries imagine the coexistence of several non-European and European groups? How did the educational efforts contribute to the integration of the „missionary society“? And how should the promotion of an indigenous clergy be shaped in the difficult colonial context? Examples from Spanish, English and French colonial areas in South and North America, West and East Africa, India, Sri Lanka and the Philippines illustrate a discursive context that condensed into a mestizo society in the local missions.

Franz Steiner Verlag